Analysen, Europa, Ukraine-Krieg

Plötzlich ist es stiller im Netz: Was die Angriffe auf Yandex mit der AfD und russischen Bots zu tun haben könnten

12. Oktober 2026 • • 20. Oktober 2026
Datensturm über Berlin

Ukrainische Drohnenangriffe auf mehrere Yandex-Rechenzentren führten zu erheblichen Ausfällen und einem starken Rückgang automatisierter Webanfragen aus einem betroffenen Netzwerk. Daraus entstand die Vermutung, russische Bots und pro-russische Einflusskampagnen zugunsten der AfD seien beeinträchtigt worden.

Die verfügbaren Daten belegen diesen Zusammenhang jedoch nicht. Cloudflare misst allgemeinen automatisierten Verkehr, nicht politische Accounts, und eine verbreitete Grafik zum AfD-Aktivitätsrückgang ist methodisch nicht nachvollziehbar. Russische Einflussoperationen sind dokumentiert, ihre Abhängigkeit von Yandex bleibt aber ungeklärt.

Ukraine trifft russische Rechenzentren, automatisierter Internetverkehr bricht ein und in sozialen Netzwerken wird über eine auffällige Ruhe rund um die AfD spekuliert. Hat der Krieg in der Ukraine unbeabsichtigt sichtbar gemacht, wie stark politische Debatten im Internet künstlich verstärkt werden? Die Ereignisse sind real. Doch die vermeintlich einfache Erklärung hält einer genaueren Überprüfung bislang nicht stand.

12. Oktober 2026 | Politik und digitale Einflussnahme

Wer regelmäßig politische Diskussionen auf Facebook, YouTube oder X verfolgt, kennt das Phänomen. Kaum erscheint ein Beitrag über die AfD, die Ukraine oder die Bundesregierung, füllen sich Kommentarspalten mit Zustimmung, Empörung und immer wieder denselben politischen Botschaften. Manche Accounts wirken dabei erstaunlich ausdauernd. Sie kommentieren, verbreiten Beiträge weiter und tauchen innerhalb kürzester Zeit unter völlig unterschiedlichen Veröffentlichungen auf.

Seit dem vergangenen Wochenende macht nun eine Geschichte die Runde, die auf den ersten Blick eine Erklärung für einen Teil dieser Aktivität liefern könnte. Nach ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Rechenzentren soll die Zahl automatisierter Online-Aktivitäten drastisch zurückgegangen sein. Besonders bemerkenswert sei angeblich ein gleichzeitiger Einbruch der digitalen Resonanz rund um die AfD.

Die Vermutung verbreitete sich schnell. Schließlich ist seit Jahren bekannt, dass Russland versucht, politische Debatten in Deutschland durch gezielte Desinformation und künstliche Verstärkung zu beeinflussen. Wenn nun ausgerechnet russische Server ausfallen und wenig später ein vermeintlicher Rückgang politischer Online-Aktivität beobachtet wird, liegt ein Zusammenhang nahe.

Nur ist zeitliche Nähe noch kein Beweis.

Drei Angriffe innerhalb weniger Tage

Was sich zweifelsfrei nachweisen lässt, sind die schweren Schäden an der russischen IT-Infrastruktur. In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober trafen Drohnen ein Rechenzentrum des russischen Technologiekonzerns Yandex in Sasowo, südöstlich von Moskau. Ein Feuer brach aus, der Betrieb musste vollständig eingestellt werden.

Einen Tag später wurde ein weiterer Standort in der Region Kaluga angegriffen. Auch dort fiel ein Teil der technischen Infrastruktur aus. Am 11. Oktober bestätigte Yandex schließlich einen dritten Angriff, diesmal auf ein Rechenzentrum in der Region Wladimir. Auch dieser Standort wurde abgeschaltet.

Das Unternehmen bestätigte die Schäden in einer eigenen Mitteilung, die am 11. Oktober aktualisiert wurde. Über den genauen Zeitpunkt einer vollständigen Wiederherstellung konnte Yandex zunächst keine Angaben machen.

Die Dimension dieser Angriffe ist erheblich. Yandex betreibt nicht nur eine der wichtigsten russischen Suchmaschinen, sondern auch Cloud-Dienste, Zahlungsangebote und Anwendungen, die von zahlreichen Unternehmen genutzt werden. Im Rechenzentrum Sasowo befinden sich nach früheren Unternehmensangaben außerdem zwei der drei Supercomputer, die für die Entwicklung des russischen KI-Modells YandexGPT eingesetzt werden. Ob diese unmittelbar beschädigt wurden, ist noch nicht abschließend geklärt.

Auch gewöhnliche Internetnutzer bekamen die Folgen zu spüren. Russische Webseiten und digitale Dienstleistungen waren zeitweise nicht erreichbar. Unternehmen meldeten technische Probleme, Zahlungsdienste funktionierten teilweise nicht mehr und Kunden konnten bestimmte Angebote nicht nutzen.

Die Angriffe stehen im Zusammenhang mit einer weiteren Eskalation des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Russland hatte zuvor selbst ukrainische Rechenzentren und Kommunikationsinfrastruktur angegriffen. Kiew reagiert inzwischen ebenfalls mit Angriffen auf technische und wirtschaftliche Infrastruktur innerhalb Russlands.

Damit ist eine Entwicklung sichtbar geworden, die über den unmittelbaren militärischen Konflikt hinausgeht. Digitale Infrastruktur ist längst selbst zum Angriffsziel geworden.

Eine Kurve fällt fast auf null

Besonders viel Aufmerksamkeit erregten nach den Angriffen Daten des amerikanischen Internetdienstleisters Cloudflare. Dessen öffentlich zugängliche Plattform Radar zeigt, wie sich automatisierter Internetverkehr aus bestimmten Netzwerken entwickelt.

Für das Yandex-Netzwerk mit der Kennung AS13238 registrierte Cloudflare einen massiven Rückgang automatisierter Webanfragen. Zwischenzeitlich sank der gemessene Wert auf ungefähr 0,4 Prozent des Höchstwertes im betrachteten Zeitraum.

Das ist ein außergewöhnlicher Einbruch.

In sozialen Netzwerken wurde daraus allerdings schnell eine wesentlich weitergehende Behauptung: Mehr als 99 Prozent der russischen Bots seien verschwunden. Daraus wiederum entstand die Vermutung, mit den ausgefallenen Rechenzentren könnten auch zahlreiche Propaganda-Accounts verstummt sein, die zuvor politische Beiträge in westlichen sozialen Netzwerken verbreitet oder künstlich verstärkt hatten.

An dieser Stelle beginnt das Problem mit der Interpretation.

Denn die von Cloudflare erfassten Bots sind keineswegs automatisch politische Propagandaprogramme. Zu ihnen gehören beispielsweise Suchmaschinen-Crawler, die Webseiten aufrufen, neue Inhalte erfassen und für Suchergebnisse aufbereiten. Yandex betreibt solche Programme in großem Umfang.

Die gemessenen 0,4 Prozent beschreiben daher den verbleibenden automatisierten Datenverkehr eines bestimmten Netzwerks im Verhältnis zu einem Vergleichshöchstwert. Sie besagen nicht, dass 99,6 Prozent aller russischen Propaganda-Accounts abgeschaltet wurden.

Noch wichtiger: Die Cloudflare-Daten enthalten keinen Nachweis darüber, welche politischen Social-Media-Accounts von den betroffenen Servern betrieben worden sein könnten.

Die technische Störung ist messbar. Ihre möglichen politischen Auswirkungen sind es bislang nicht.

Warum ausgerechnet die AfD in den Mittelpunkt gerät

Dass in dieser Debatte besonders häufig die AfD genannt wird, hat einen nachvollziehbaren Hintergrund.

Russische Einflussoperationen zugunsten der Partei sind keineswegs eine neue oder frei erfundene Geschichte. Bereits im Zusammenhang mit der Bundestagswahl 2025 dokumentierte das Center für Monitoring, Analyse und Strategie, kurz CeMAS, mindestens vier russische Einflusskampagnen. Sie sollten unter anderem demokratische Politiker diskreditieren, die AfD unterstützen und Zweifel an demokratischen Wahlen verbreiten.

Eingesetzt wurden manipulierte Videos, gefälschte Nachrichtenseiten und koordinierte, nicht authentische Benutzerkonten. Die Kampagnen erreichten auf unterschiedlichen Plattformen ein Millionenpublikum.

Solche Aktivitäten sind auch deshalb problematisch, weil sie die Wahrnehmung politischer Mehrheitsverhältnisse verändern können. Wenn identische oder ähnliche Botschaften innerhalb weniger Minuten massenhaft verbreitet werden, entsteht möglicherweise der Eindruck einer besonders großen gesellschaftlichen Zustimmung.

Dabei ist zwischen den eigenen Anhängern einer Partei und einer von außen betriebenen Einflusskampagne zu unterscheiden. Nicht jeder AfD unterstützende Account ist ein Bot. Und der Nachweis russischer Kampagnen zugunsten der AfD bedeutet für sich genommen nicht, dass die Partei diese Kampagnen beauftragt, finanziert oder technisch gesteuert hat.

Genau diese Unterscheidung ist für die aktuelle Diskussion entscheidend.

Denn selbst wenn einzelne russische Propaganda-Netzwerke durch die Angriffe auf Yandex beeinträchtigt worden sein sollten, wäre damit noch nicht nachgewiesen, welche politischen Inhalte sie zuvor verbreitet haben oder welche Bedeutung sie für die Reichweite einzelner Parteien hatten.

Eine Grafik, die mehr verspricht, als sie belegen kann

Zusätzlichen Auftrieb erhielt die Geschichte am 11. Oktober durch eine Grafik, die unter anderem vom tschechischen Europaabgeordneten Tomáš Zdechovský auf X verbreitet wurde. Sie sollte einen massiven Rückgang der Online-Aktivität rund um die AfD illustrieren. Im Raum standen Werte von 30 beziehungsweise 56 Prozent.

Die Darstellung verbreitete sich rasch. Doch bei näherer Betrachtung fallen erhebliche Probleme auf.

Weder die zugrunde liegende Datenquelle noch die untersuchten Benutzerkonten oder die verwendete Messmethode sind angegeben. Es bleibt sogar unklar, was überhaupt unter der dargestellten Aktivität zu verstehen ist. Geht es um Beiträge, Kommentare, Likes, Weiterleitungen oder Aufrufe?

Besonders auffällig ist die Zeitachse. Die Grafik enthält Angaben bis zum 15. Oktober 2026, obwohl sie bereits am 11. Oktober verbreitet wurde. Hinzu kommen Unregelmäßigkeiten bei der Skalierung.

Der Bayerische Rundfunk untersuchte die Darstellung am 12. Oktober im Rahmen seines Faktenchecks und kam zu dem Ergebnis, dass sie keinen belastbaren Nachweis für den behaupteten Rückgang liefert.

Auch Josef Holnburger, Geschäftsführer von CeMAS, widerspricht der verbreiteten Schlussfolgerung. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk und netzpolitik.org erklärte er, dass bislang kein Rückgang russischer Desinformationskampagnen erkennbar sei, der sich durch die Angriffe auf die Yandex-Rechenzentren erklären lasse.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Aktivität solcher Kampagnen sinkt häufig am Wochenende. Eine kurzfristige Veränderung lässt sich deshalb nur beurteilen, wenn ausreichend Vergleichsdaten vorliegen.

Die Behauptung eines massiven AfD-spezifischen Einbruchs steht damit derzeit auf unsicherem Fundament.

Und was ist mit Facebook und YouTube?

Auch abseits von X stellt sich die Frage, ob es auf Facebook und YouTube tatsächlich ruhiger geworden ist.

Einzelne Beiträge mit auffällig wenigen Aufrufen, überraschend kleinen Kommentarspalten oder geringer Resonanz könnten diesen Eindruck vermitteln. Als Beleg für einen allgemeinen Reichweiteneinbruch taugen solche Beobachtungen jedoch nicht.

Dafür müsste untersucht werden, wie sich die Aufrufzahlen und Interaktionen zahlreicher vergleichbarer Beiträge vor und nach den Angriffen entwickelt haben. Dabei wären unter anderem Veröffentlichungszeitpunkt, Thema, Accountgröße, Videoformat und Veränderungen der jeweiligen Empfehlungsalgorithmen zu berücksichtigen.

Es müsste außerdem zwischen tatsächlichen Nutzern und künstlich erzeugten Interaktionen unterschieden werden. Eine geringe Zahl von Kommentaren bedeutet schließlich nicht zwangsläufig, dass ein Beitrag weniger Menschen erreicht hat.

Für Facebook und YouTube liegen bislang keine unabhängig verifizierten Daten vor, die einen außergewöhnlichen, durch die Yandex-Ausfälle verursachten Reichweitenverlust der AfD belegen.

Dass der Verdacht trotzdem diskutiert wird, ist verständlich. Die bekannte Existenz koordinierter Einflusskampagnen macht die Frage berechtigt. Sie ersetzt allerdings keine Messung.

Der Ukraine-Krieg zeigt eine neue Verwundbarkeit

Unabhängig von der Debatte über die AfD haben die Angriffe auf Yandex eine strategische Bedeutung.

Rechenzentren sind wesentliche Bestandteile moderner Volkswirtschaften. Sie ermöglichen geschäftliche Transaktionen, digitale Kommunikation und den Betrieb zahlreicher Anwendungen. Werden sie außer Betrieb gesetzt, können die Folgen weit über den betroffenen Standort hinausreichen.

Die ukrainischen Angriffe zeigen damit, dass auch große Technologieunternehmen und ihre technischen Einrichtungen im Hinterland nicht vor den Auswirkungen des Krieges geschützt sind.

Für Russland ist das besonders problematisch, weil das Land infolge westlicher Sanktionen und eigener politischer Entscheidungen ohnehin stärker auf inländische Technologieangebote angewiesen ist.

Auch für die internationale Debatte über Desinformation ergibt sich daraus eine interessante Frage: Wie abhängig sind staatlich organisierte oder staatlich unterstützte Einflussoperationen von einzelnen technischen Dienstleistern?

Theoretisch könnten Angriffe auf eine solche Infrastruktur auch koordinierte Kommunikationsnetzwerke beeinträchtigen. Allerdings lassen sich Bots und ihre Steuerung auf zahlreiche Anbieter, Länder und technische Systeme verteilen. Aus dem Ausfall eines großen Rechenzentrums folgt deshalb nicht zwangsläufig der Zusammenbruch einer ganzen Propagandastruktur.

Ob die aktuellen Angriffe konkrete russische Einflussoperationen getroffen haben, ist weiterhin offen.

Was bleibt von der angeblichen Stille?

Am Ende steht ein Widerspruch zwischen einer durchaus plausibel klingenden Erzählung und den bislang verfügbaren Belegen.

Die ukrainischen Angriffe auf Yandex sind dokumentiert. Die massiven technischen Störungen sind real. Auch der Einbruch automatisierter Webanfragen aus dem betroffenen Yandex-Netzwerk lässt sich nachweisen. Ebenso gut dokumentiert sind russische Versuche, politische Debatten in Deutschland zu beeinflussen und dabei auch Positionen zugunsten der AfD zu verbreiten.

Was fehlt, ist die Verbindung zwischen diesen Vorgängen.

Es gibt bislang keinen belastbaren Nachweis, dass die beschädigten Yandex-Rechenzentren die zentrale technische Grundlage russischer Propaganda-Accounts in Deutschland bildeten. Ebenso wenig ist belegt, dass ein möglicher Rückgang von Aufrufen oder Interaktionen bei AfD-Inhalten auf Facebook, YouTube oder X durch diese Angriffe verursacht wurde.

Damit ist die Geschichte nicht zwangsläufig widerlegt. Sie ist schlicht noch nicht bewiesen.

Gerade darin liegt aber auch ihre politische Brisanz. Die Diskussion macht deutlich, wie wenig Transparenz darüber besteht, welcher Anteil digitaler Zustimmung tatsächlich von Menschen stammt und wie viel durch koordinierte technische Systeme verstärkt wird.

Wer politische Debatten im Internet ernst nimmt, sollte diese Frage nicht erst dann stellen, wenn irgendwo in Russland ein Rechenzentrum brennt.

Vielleicht ist es an manchen Stellen tatsächlich ruhiger geworden. Vielleicht täuscht auch nur der Eindruck eines ungewöhnlichen Wochenendes.

Wie groß der Einfluss künstlicher Netzwerke auf politische Reichweiten tatsächlich ist, lässt sich aus den bisherigen Ereignissen nicht ableiten. Und solange die dafür notwendigen Daten fehlen, wäre es journalistisch ebenso falsch, einen russischen Bot-Zusammenbruch auszurufen, wie die bekannten Einflussoperationen einfach zu ignorieren.

Die ausgefallenen Server sind Realität. Ob mit ihnen auch politische Verstärker verstummt sind, muss erst noch nachgewiesen werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert